Prosa

Zeit meines Lebens

Ich wurde im Inferno geboren. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. In einer thüringischen Kleinstadt, die bombardiert wurde, weil sie an der Bahnlinie Berlin-München liegt. Wir waren dorthin evakuiert: So nannte man es, wenn Familien aus Ballungsräumen in vom Krieg weniger heimgesuchte Gegenden eingewiesen wurden.

Meine Eltern haben mich ins Leben gerufen, als der Kontinent schon verheert war und Deutschland abbrannte. Irgendwie mussten sie weiter an die Zukunft glauben, denn sie wollten in ihrer zehn Jahre kinderlos gebliebenen Ehe – sie hatten inzwischen einen Neffen meines Vaters zur Pflege angenommen – unbedingt eigenen Nachwuchs. Dem Geist der Zeit entsprechend am liebsten einen Sohn. Ich weiß nicht, ob ich unter vergleichbaren Umständen ebenso gehandelt hätte. Wahrscheinlich hätte ich mir gesagt, dass es das Schicksal mit mir gut gemeint hatte, als es mir Kinder verweigerte.

Nach einer Durchpustung der Eileiter meiner Mutter klappte es endlich. Für mich erwies es sich als Glücksfall, dass die Gynäkologen so lange gebraucht hatten, die Ursache der Unfruchtbarkeit meiner Mutter herauszufinden. Dadurch blieb mir erspart, Krieg und Hunger zu erleben. Hätten die Doktoren noch etwas länger gebraucht, wäre es für meinen Eintritt ins Leben zu spät gewesen; denn seit Mitte 1944 erhielt mein Vater keinen Heimaturlaub mehr. Als ich geboren wurde, war er bereits in russischer Gefangenschaft. Im Lokalblättchen erschien in den ersten Tagen des Jahres 1945 auf schon beim Druck gilbem Papier meine winzige Geburtsanzeige: „Gottes Güte schenkte uns in schwerer Zeit unseren ….“. Als Adresse war die Straße der SA angegeben, vier Monate später hieß sie wieder, wie seit Jahrhunderten, die Lange Gasse.

Jeder Tag, den man überlebte, ob hungernd, ob von Sorgen und Bombenhagel aufgerieben, von Erschöpfung gezeichnet, war ein Geschenk. Ein vergiftetes, denn der nächste Tag, selten von einer durchschlafenen Nacht von seinem Vorgänger geschieden, verhieß nichts Gutes. Der Kampf ums Überleben ging eine Runde ins Ungewisse weiter. Mein Bewusstsein schlief noch. Unwahrscheinlich, dass es ein seliger Schlaf war. Ich kann mich nicht daran erninnern, das ist alles. Als mein Erinnerung auslösendes Bewusstsein einsetzte, hatte sich das Leben auf niedrigstem Niveau  stabilisiert. Die geballte Präsenz von herbstfarbenen Rotarmisten, auf deren Köpfen lustige Schiffchen mit rotem Stern saßen, gehörte in unserer Kleinstadt zum Alltag. Wie die zahlreichen Ochsenkarren, die sich neben wenigen Autos durch die Straßen schleppten. Ich habe mit der Roten Armee nur gute Erfahrungen gemacht. Ihre Soldaten schenkten mir Kommissbrot und Zucker. Warfen mich unter den ängstlichen Blicken meiner Mutter und gutturalem Gesang im Kreise herum. Mein Pflegebruder, zehn Jahre älter, saugte derweil aus den Tanks ihrer Autos mit Strohhalmen Benzin ab. Spuckte es in eine Flasche, gurgelte zu Hause kräftig mit Wasser und tauschte die Beute gegen Milch ein. Er wurde nie erwischt oder gar erschossen.

In mir blieben aus meiner Jugend ein großes Unverständnis und ein Entschluss zurück.

Ich habe nie verstanden, wie meine Eltern, aber auch alle anderen Familienmitglieder und Freunde meiner Eltern Krieg und Untergang wie einen Schicksalsschlag trugen, der über sie gekommen war. Wie das Leben eben spielt. Einem mitspielt. Anfangs berauschend, dann elendig. Sie nannten es nicht Niederlage, nicht bedingungslose Kapitulation, nicht Befreiung – sie sprachen vom Zusammenbruch.. „Vor dem Zusammenbruch … Bis zum Zusammenbruch  …Beim Zusammenbruch…Nach dem Zusammenbruch… Seit dem Zusammenbruch….“.  Ein unpolitisches Wort. Heldentum, Fatalismus klingen an. Kein Glück gehabt. Die Kräfte reichten nicht, obwohl man bis zum Umfallen  gekämpft hatte. Die Doppelsinnigkeit dieses Wortes passte gut, schloss nahtlos an den Zusammenbruch an. Man rappelte sich auf, machte anders, aber doch nicht ganz anders weiter. Weiter!

Als es dann besser ging, tauschten sie das durchlebte Schreckliche in nie enden wollenden Erzählungen untereinander aus. Sprachen von ihrer Eroberungs- und Besatzungszeit mit oder ohne spätere Gefangennahme in Norwegen und Afrika, in Italien, Frankreich, Griechenland und Russland. Von dem Geschehen in der Heimat, der zerbombten, der verlorenen. Wie Briefmarkenfreunde einander ihre besten Stücke zur Ansicht zeigen, tauschten sie ihre Kriegs- und Nachkriegserlebnisse aus. Manches Komische war dabei, das meiste  war tragisch. Niemals wurde von Verantwortlichkeiten, von Ursachen, Gründen, Folgen gesprochen. Nur von Erlebtem, Erleben. Es war  geschehen, schwang ungeheuer nach; man hatte es überlebt und man sah zu, wie man wieder auf die Beine kam. Nicht nachdenken! Bloß nicht! Es war die letzte Überlebenstaktik von den vielen, die der deutsche Normalbürger seit 1939, bewusst oder unbewusst, hatte erlernen müssen.

Sollte ich später Gewissensforschung bei meinen Eltern oder Großeltern betreiben? Meinen Vater habe ich zum ersten Mal im Alter von 4 Jahren gesehen, nachdem er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes kurz vor Weihnachten 1948 aus russischer Kriegsgefan-genschaft vorzeitig entlassen worden war. Er starb wenige Jahre danach an den Folgen seiner Entbehrungen. Er hatte ein kurzes, kaum zehn Jahre lang glückliches Leben hinter sich. Es blieben nur meine Mutter und ihre Mutter für Fragen, Nachfragen übrig, denn mein mütterlicher Großvater war bereits 1930 verstorben. Die Gnade des frühen Todes. Er war Freimaurer gewesen. Meine ostpreußischen Großeltern hatte es 1946 als Vertriebene nach Stuttgart verschlagen. Sie waren nicht geflohen, sondern mussten ihre Heimat verlassen, weil sie sich geweigert hatten, sich zu Polen zu erklären.

Die Mutter meiner Mutter war ein gutherziger, völlig unpolitischer Mensch. In ihrer näheren Umgebung mildtätig. Vom Leben in der Kleinstadt geprägt. Alles Großflächige ging an ihr vorbei. War bloße Lebengrundierung. Sie hatte darauf keinen Einfluss. Sie wollte mit der Welt im Einklang leben. Also behelligte sie die anderen, die der Zeit ihr Gesicht gaben, nicht. Sie hatte genug mit den kleinen Nöten in ihrer unmittelbaren Umgebung zu tun. Die war so begrenzt, dass es nicht zu irgendwelchen offenbaren Konflikten mit der Grundierung kam.

Meine Mutter dachte durchaus politisch. Sie hatte viel Sympathie für die Nazis gehabt, weil es die einzigen waren, die den Versailler Vertrag in Frage stellten und dann auch, wie versprochen, erfolgreich revidierten. Endlich Politiker, die zu  ihrem Wort standen. Wussten, was sie wollten. Sich nicht nur die Taschen vollstopften und nichts dafür leisteten. Wann gab es das schon? Dafür ließ sie sich begeistern; denn der Versailler Vertrag war Unrecht. Jetzt war Deutschland wieder groß. Alles Übrige interessierte sie wenig. Sie mochte Militär, Märsche, zackige Aufmärsche. Mehr noch als Tanzen. Nicht Krieg. Sie hatte einige jüdische Klassenkameradinnen gehabt, war mit ihnen aber nicht in Verbindung geblieben. Sie wusste, dass ihre Mitschülerinnen von einst Deutschland verlassen mussten. Sie betrachtete das nicht als schwerwiegend, denn die hatten ja Geld, sie würden anderswo wieder auf ihre Füße fallen. Mehr gab es nicht zu wissen. Mehr wollte sie nicht wissen. So war es eben: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Den Krieg mochte sie nicht, schon deshalb nicht, weil mein Vater (ein gänzlich unpolitischer) Soldat war. Sie sah das Risiko, aber sie erlebte die Siege und glaubte, es werde schon nicht allzu schlimm kommen. Die Deutschen waren am Krieg nicht mehr schuld als die anderen.

Was sollte ich weiter auf sie eindringen? Sie in Verlegenheit bringen? Sie hatte ihre kleine Mitschuld bezahlt. Ein wohlbehütetes Leben in bescheidenem Wohlstand, das sie in Zufriedenheit vollendet hätte, war aus den Fugen geraten. Die Zerstörung blieb, auch als sich die Verhältnisse längst gebessert hatten, wir nach (West-)Berlin in die alte, nicht zerbombte, sondern nur ausgeplünderte Wohnung meiner Eltern zurückgekehrt waren. Ihr Vorhaltungen zu machen, als Besserwisser aufzutreten, hätte mir ein schlechtes Gewissen bereitet. Manchmal, wenn ich unzufrieden mit ihr war, habe ich ihr ärgerlich einen Brocken ihrer Verantwortlichkeit für das Scheitern des Landes und ihres eigenen Lebens vor die Füße geworfen. Ich war mir hinterher böse.

Meine Kindheit und Jugend war die Zeit des Aufrappelns. Ich war ein typisches Wirtschafts-wunderkind. Vom Punkt null an ging es unablässsig aufwärts, obwohl wir wegen des Todes meines Vaters zu den weniger Begüterten gehörten und in West-Berlin alles schwieriger voranging als in Westdeutschland. Spielen in den Ruinen war eine herrliche, vor allem eine aufregende, weil gefährliche Sache. Kinderherz, was willst Du mehr? Beim Buddeln im Sand stießen wir manchmal auf eilig vergrabene Säbel und Pistolen.

Wie in Thüringen wohnten auch in Berlin die fremden Besatzungssoldaten vielfach in requirierten Wohnungen unter der Zivilbevölkerung. Die meisten Kasernen hatten sie ja vor ihrem Einzug zerbombt. Sie mussten erst wieder hergestellt werden. Ein schottisches Schwadron war in einem früheren jüdischen Altersheim in unserer Nähe einquartiert. Die Straße davor wurde mit Schranken beidseitig gesperrt. Wachhäuschen aufgebaut. Wir Jungen krochen bis an die hilflos dastehenden  schottischen Wachsoldaten heran und sahen ihnen unter die Röcke. Entdeckten zu unserer Enttäuschung olivgrüne oder hellbraune Unterhosen.

Im Unterschied zu den Russen hatten die Briten ihre Familien dabei. Sie waren Nachbarn. So erfuhr ich früh den Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Verhalten. Obwohl wir nicht miteinander sprechen konnten, hatte ich mich mit einem englischen Jungen angefreundet. Wir besuchten uns in unseren Wohnungen. Spielten zusammen. Mochten uns sehr. Stießen wir dagegen als Gruppen aufeinander, ging es feindselig zu. Die ersten englischen Worte, die ich lernte, hießen „You are crazy“ und „You are stupid“. „Fucking“ war damals noch ungehörig. Bei den Amerikanern mochte es schon anders gewesen sein.

Schaute ich beim Frühstück aus dem Fenster, sah ich, wie die im Hof in Reihe angetretenen Soldaten unseres Häuserblocks von ihrem Unteroffizier inspiziert wurden. Er schlug mit einem Stöckchen auf die beanstandeten Stellen. Einen schlechtgeputzten Gewehrlauf, einen schief sitzenden Kragen, schmutzige Finger. Meine Mutter meinte, so penibel sei es bei Preußens nicht zugegangen. Sie musste es wissen, denn sie hatte einige Jahre mit meinem Vater in einer Dienstwohnung in einer Kaserne gewohnt. Allerdings hätten die deutschen Posten beim Ausgang der Soldaten manchmal geprüft, ob sie, wie angeordnet, einen Bindfaden, ein Taschenmesser und ein Kondom dabei hatten. Das mit dem Kondom hat sie erst später richtig gestellt. Damals sagte sie mir ‚nicht mehr als drei Mark’.

Weihnachten stellten alle Berliner Kerzen in die Fenster. Ernst Reuter hatte dazu aufgerufen, um der noch verbliebenen Kriegsgefangenen in Russland zu gedenken und an die sowjetische Regierung für ihre Freilassung zu appelieren. Alle machten mit, obwohl nur die wenigsten Familien noch betroffen waren. Es war bewegend, am Heiligabend durch die zerfetzten Berliner Straßen zu gehen. Als Weihnachten 1955 die letzten Lebenden heimgekommen waren, führte man die schöne Sitte fort, um der Unfreiheit unserer in der Zone lebenden „Brüder und Schwestern“ zu gedenken. Niemand wäre auf die Idee gekommen, von einer Wiedergeburt des deutschen Patriotismus zu reden. In den 60er Jahren wurden die Lichter immer weniger. Die Zeit hatte sich gewandelt. Man glaubte nicht mehr an die Wiedervereinigung. Moderner Komfort hatte sich allenthalben eingestellt. Man reiste viel in der Welt herum. Nicht selten an Plätze, die man zuvor kriegerisch eingenommen hatte.

Nach dem Chruschtschow –Ultimatum von 1958 und noch mehr nach dem Mauerbau 1961 kam es zu den großen Freiheitskundgebungen der Berliner. Bei Besuchen führender amerikanischer Politiker und jährlich am 1. Mai. Der Feiertag der Arbeit wurde umfunktioniert zum Tag der Freiheit. Eine nicht unbedenkliche Praxis. Aber es ging inzwischen allen relativ gut. Es war die Zeit des Arbeitskräftemangels. Für soziale Rechte brauchte man nicht mehr zu demonstrieren. Aber die Arbeiter waren diszipliniert, zogen weiter an ihrem Kampftag auf, und weil es um die Freiheit ging, zog der Rest der Bevöl-kerung mit. Auf diese Weise kamen mehrfach über eine Million Menschen auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag zusammen, um gegen die sowjetische Berlin-Politik zu protestieren. Es war die Geburtsstunde alternativer, sektiererischer Mai-Veranstaltungen.

Der 17. Juni hätte sich eher als Tag des Protestes gegen die agressive sowjetische Politik angeboten. Aber an diesem Tag war traditionell schönes Wetter, und Arbeiter kamen da  kaum, also fanden an diesem Tag überwiegend vom rechten Bürgertum bestimmte kleinere Kundgebungen statt. Der Rest der Deutschen fuhr ins Grüne, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Das hatten die meisten durchaus. Im Ausland musste man umständlich erklären, dass dies kein Nationalfeiertag war. 36 lange Jahre lang. Diese komplizierten Deutschen. Nicht einmal feiern können sie. Besonders in Erinnerung ist mir aus dieser Zeit der 13. August 1962, der erste Jahrestag des Mauerbaus, geblieben. Ich war im Freibad. Um 12 Uhr erklang über die Lautsprecher die Freiheitsglocke und wir wurden aufgefordert, uns dazu von unseren Decken und Handtüchern zu erheben. In Badebekleidung.

Ich konnte das Gymnasium besuchen, studieren. Aus der Erinnerung an die Nachkriegszeit, aus dem Erleben der Teilung des Landes, seiner dauernden Schuldbeladenheit stand für mich fest: Du wirst deinen Nachfahren eine bessere Welt hinterlassen als deine Eltern dir hinterlassen haben. Keine Ruinen. Keine Schuld. Keine Zeit, von der man im Nachhinein bestenfalls sagen kann: Es ist noch einmal gut gegangen.

Ich engagierte mich politisch. Es waren die wilden 60er Jahre. Das pseudo-revolutionäre Geschwafel und Getue der Linken konnte ich trotz ihres Fanatismus nie ernst nehmen. Postpubertäres Kinderspiel war das. Eine Mischung aus Räuber und Gendarm mit russischem Roulette. Hatten sie zu viel oder zu wenig in den Ruinen gespielt? Ich sah die Notwendigkeit für Reformen, für einen neuen Geist, der die in der Adenauer-Zeit zunehmend verkrusteten Strukturen der hergebrachten bürgerlichen Ordnung aufbrach. Dabei bewunderte ich Adenauer und seine Zielstrebigkeit und Festigkeit, die dem erfogreichen Aufrappeln der Deutschen Sicherheit verlieh. Ich versuchte, die Reformbereitschaft in die CDU über-zubringen, insbesondere die Partei zu einer realistischen Deutschland-Politik zu bewegen – und wurde als linkes U-Boot geschmäht. Die Borniertheit der meisten Parteimitglieder widerte mich an. Ich fand keinen Gefallen daran, ihre Dämlichkeit auszuschlachten, indem ich ihre Vorurteile bediente, ihnen etwas vorgaukelte und mich damit hochschaukelte, wie es die meisten taten, die in der Partei Karriere machen wollten. Nach meiner Erfahrung liegt die mittlere Intelligenz von Parteimitgliedern weit unter der des Durchschnittsbürgers. Ich verließ die CDU und mein geliebtes Berlin, ging mit einem kleinen Umweg über Bonn nach Brüssel, um für die Europäische Gemeinschaft als Beamter zu arbeiten.

Obwohl, besser weil, die Gemeinschaft von einer Krise in die nächste schlitterte, ‚Europa’ jeden Tag neu zu bewahren und fortzuentwickeln war, arbeitete ich, inmitten einer hochmotivierten, von ihrer Mission überzeugten Beamtenschaft lange Jahre freudig und unermüdlich mit am Werk der europäischen Integration. Ich war mir sicher, damit meinen frühen Entschluss, meinen Nachfahren eine bessere Welt zu hinterlassen als meine Eltern mir hinterlassen hatten, am ehesten in die Tat umzusetzen. Ich habe es nie bereut, und die Entscheidung war wohl richtig. Wie Entscheidungen allein wegen Alternativlosigkeit richtig sind.

Zum Zeitpunkt der größten Erfolge, als aus den 80ern die 90er Jahre wurden, war ich ernüchtert. Dabei gab es jeden Grund zum Feiern. Die Süderweiterung war zwar teuer erkauft worden, aber vollauf geglückt. Wir rückten dem ehrgeizigen Zwischenziel, der Verwirk-lichung des Binnenmarktes, täglich sichtbarer, greifbarer näher – der Bau wuchs beständig, sogar eine Wirtschafts- und Währungsunion schien nun möglich –  und nach dem Zerfall der sowjetischen Diktatur – das war auch unser Werk, denn unsere Standhaftigkeit, unser in Richtung Osten kräftig abstrahlender Erfolg hatten dahin geführt – brach endlich die von mir lange ersehnte Wiedervereinigung des Kontinents, Deutschlands und meiner Heimatstadt in Freiheit an. Ich hätte glücklich sein müssen, hatte nicht geglaubt, das alles noch in meiner aktiven Zeit zu erleben. Die von Deutschland angerichtete Verheerung des Kontinents war endlich überwunden. Aber ich war voller Zweifel: Am europäischen Einigungswerk, an dem, was ich zu seinem Gelingen tat. Mir wurde klar: Das Mittel war längst zum Zweck geworden. Weiter würden wir nicht mehr kommen.

Jean Monnets listige Saat war aufgegangen. Weil eine politische Zusammenarbeit wegen der Nachwirkungen alter Feindschaften in den 50er Jahren unmöglich war, in England und Frankreich die nationale Souveränität noch hoch im Kurs stand, man herrschte schließlich weiter über Weltreiche, setzte Jean Monnet die zum Überleben Westeuropas unabweisliche wirtschaftliche Integration als Motor ein für die nachfolgend erhoffte politische Annäherung bis hin zur Verschmelzung in einem europäischen Bundesstaat. Es wirkte. Und wie es wirkte in einer Zeit des Aufbaus, der zum beständigen Auftrieb mutierte! Trotz aller Kosten, Schwierigkeiten und (politischen) Krisen durfte man tagtäglich den eigenen Erfolg bestaunen. Niemand wollte mehr, nachdem er einmal eingeschlagen war, den Lebens- und Tugendpfad der wirtschaftlichen Integration verlassen. Die von Beginn an schwächelnde – gänzlich unpolitische – Konkurrenz (EFTA) fiel schnell in Konkurs. Ihr leitender Gesellschafter Großbritannien drängte mit aller Gewalt in das erfolgreichere politische Unternehmen. Er wurde daran lange Zeit wegen fehlender politischer Zuverlässigkeit gehindert. Kurioserweise von einem Staatsmann, der integrationsfeindlich war, während die Integrationisten den nur am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens interessierten Überläufer liebend gerne aufnehmen wollten. Waren sie so überzeugt von Jean Monnets Überzeugung, dass wirtschaftlicher Zusammenschluss den politischen Verbund unzweifelhaft nach sich ziehen würde? Wenn ja, haben sie sich schwer getäuscht. Hätte es damals schon das Modell rein wirtschaftlicher Integration, den Europäischen Wirtschaftsraum, gegeben, er wäre für Großbritannien die richtige Form des Beitritts gewesen..

Jean Monnets Saat wuchs, aber gelangte nicht zur Reife. Über die Integration der Märkte kam es zur politischen Annäherung, zur Zusammenarbeit, zur Freundschaft zwischen den europäischen Staaten und Völkern. Zur politischen Integration hat es bis heute nicht gereicht; die Verfassung für Europa als glaubhafte Verfassung einer glaubhaften Union ist wohl nicht nur vorläufig, sondern dauerhaft gescheitert.

Der Grund für das Scheitern des höheren Ziels liegt paradoxerweise am außerordentlichen Erfolg des Mittels, dahin zu gelangen. Weil die wirtschaftliche Integration in einer langen ersten Phase von drei Jahrzehnten so gut gelang, Wohlstand und damit Sattheit verbreitete, erlahmte der Drang, weiter voran zu schreiten. Wem es gut geht, der will verweilen, nicht schnellen Schritts weiterziehen. Wer weiß, was das bringt? Allenfalls lässst er sich darauf ein, voran zu schlendern.

Als nach der Vollendung des Binnenmarktes die wirtschaftliche Lage unsicherer wurde, weil parallel dazu die Uruguay-Runde des GATT abgeschlossen und die Welthandelsorganisation gegründet worden war, sich der internationale Wettbewerbsdruck infolge erheblicher  Marktöffnung auch nach außen verstärkte, war es zu spät. Jetzt war sich innerhalb der Europäischen Union wieder jeder Mitgliedstaat selbst der nächste. Man merkte, dass nicht nur die Unternehmen in Konkurrenz zueinander standen, sondern auch die Staaten im Standortwettbewerb zueinander.

 Hatte in den ersten drei Jahrzehnten mehr Wettbewerb in der Gemeinschaft stets überproportional Wachstum erzeugt, waren verlorene Arbeitsplätze in einem Bereich oder einigen Regionen durch neue, meist hochwertigere Arbeitsplätze in anderen Bereichen oder Regionen mehr als aufgewogen worden, führten seit den 90er Jahren ungebremstes Rendite-Denken der Unternehmen und weltweiter Konkurrenzdruck zum dauerhaften Verlust von Arbeit und Einkommen in der Union. Der erzeugte Mehrwert floss nur noch teilweise zurück, weil das System nach allen Seiten offen war. Alle waren betroffen. Einige Sektoren und Regionen mehr, andere weniger Es kam darauf an, das eigene Haus als Standort für Investitionen so attraktiv wie möglich zu machen. Das war die erste Sorge der Regierungen, nicht die Politische Union.

Zudem hat die Verdreifachung der Zahl der Mitgliedstaaten in einem Zeitraum von wenig mehr als zwanzig Jahren effektive Strukturen und einen engen Zusammenschluss in der Union fast unmöglich gemacht. Die Gelegenheit weiterzukommen ist 1991 in Maastricht vertan worden. Bundeskanzler Kohl war in die Verhandlungen mit der richtigen Position gegangen, sich die Zustimmung zur Währungsunion mit der Zustimmung der anderen zur Politischen Union abkaufen zu lassen. Aus den Verhandlungen kam er mit einem neuen Namen für das Unternehmen nach Hause, und selbst der neue Name war ein Verlust. Die Europäischen Gemeinschaften (ein eindringlicher, weil bildhafter Name) wurden zur Europäischen Union (eine farblose Allerweltsbezeichnung). In der Sache der Integration war man über die Währungsunion nicht hinausgekommen, also im Wirtschaftlichen verblieben.

Zu zwölft war die Entscheidungsfindung noch relativ einfach. England und Dänemark mochten außen vor bleiben, wenn sie wollten. Frankreich hatte die Währungsunion erzwungen, weil es Deutschland in der völlig irrealen Gefahr sah, aus dem Zentrum Europas erneut nach Osten hin abzudriften. Macht und Last der Geschichte. Die Anbindung über die Währung genügte Frankreich, um Deutschland gebunden zu wissen. Es wollte seinerseits politisch, weltpolitisch als Atom- und Vetomacht im UN-Sicherheitsrat frei bleiben. Die wohl letzte Möglichkeit, eine Europäische Union zu gründen, die diesen Namen verdient, wurde in Maastricht verspielt. Damit konnte sie weiteren Beitrittskandidaten, in denen ein jahrzehntelang verdrängter Nationalismus neu aufblühte, nicht als Beitrittsbedingung vorgegeben werden.

In meiner täglichen Arbeit am Werk der europäischen Integration gewann ich zunehmend den Eindruck, nicht mehr für ein politisches Ziel, sondern nur noch für einen wirtschaftlichen Zweck zu arbeiten. Er galt den Vorgaben nach immer noch dem politischen Ziel, aber war längst zum Selbstzweck geworden. Vor meiner Tätigkeit in Brüssel hatte ich knapp 3 Jahre im Bundeswirtschaftsministerium in Bonn gearbeitet. Während dieser Zeit im Referat‚ Elektrotechnik, Elektronik und industrielle Datenverarbeitung’ hatte ich mich immer als beamteter Lobbyist der deutschen Industrie gefühlt. Warum nicht? Wenn es der deutschen Wirtschaft gut ging, ging es dem Land gut. Damals konnte man das unkritisch sagen.

Dennoch war ich froh, nach Brüssel zu wechseln, um dem größeren Europa und einem höheren Ziel zu dienen. Es war auch damals noch Pionierarbeit und verschaffte mehr Genugtuung. Aber die Entwicklung holte mich ein. Und am Ende verglich ich mich mit den Angehörigen des Zweiten Standes vor der Französischen Revolution, dem Klerus. So wie einst die Priester die Herrschaft des Ersten Standes, des Adels, durch ihre Predigten, Unterwürfigkeit und Lobhudeleien befestigt hatten, dabei hin und wieder den Ersten Stand  zur Ordnung und Mäßigung  aufriefen, fühlte ich mich als Wirtschaftsbeamter im Verhältnis zu Industrie und Handel. Ich sorgte dafür, dass sie möglichst reibungslos ihre Geschäfte machen konnten, trat dem einen oder anderen Exzess ein wenig entgegen und lebte dabei nicht schlecht, hatte als internationaler Beamter manche Privilegien.

Der immer gedanken- und hemmungslosere Materialismus, den die Wirtschaft mit ihrem Wettbewerbs- und Wachstumskult anführt, die Gier nach immer größeren Firmenimperien und sinnloser Anhäufung von Reichtum widerten mich an. Es herrschte dauerhaft Frieden in Europa, ich hatte mein Scherflein dazu beigetragen, niemand brauchte zu hungern, die meisten lebten im Wohlstand, ich hatte mit dafür gesorgt. Aber welch grässlichen Gang hatte die Weltgeschichte eingeschlagen. Das Gute und Schöne ist dem Nützlichen und Zweckmäßigen, aufpoliert mit technischem Glanz und Extravaganz, gewichen. Die Natur wird rücksichtslos ausgebeutet, in ihrer notwendigen Vielfalt zerstört, die Tierwelt grausam instrumentalisiert, das Klima durch Energieverschwendung verändert. Immer neue künstliche Ansprüche und Bedürfnisse werden in den Menschenmassen geweckt, die damit auf eine für sie angenehme Weise ebenso instrumentalisiert werden wie die Tiere auf brutale. Sämtliche Völker der Welt werden gleichgeschaltet, programmiert auf westliches Denken, in materiellen Rausch und süße Zerstörungswut versetzt, denen sich Europäer und Amerikaner seit Langem hingegeben haben. Was haben wir aus Japanern und Chinesen gemacht? Man braucht nur ihre traditionelle Architektur anzuschauen, die um höchsten Einklang mit der Natur bemüht ist, und dann das wüste Leben in ihren Städten heute. Die Sprachen der Welt werden überwuchert und zersetzt von einer Weltsprache.

Aldous Huxleys schöne neue Welt ist da, und das Projekt Europa dient seiner Vollendung. Nichts anderem mehr. Vielleicht hatte es nie ein anderes Projekt gegeben, und ich war nur, wie viele, einem Trugbild erlegen. Erklärlich aus dem grausigen Gegeneinander der europäischen Geschichte. Inzwischen hat sich erwiesen, dass der Materialismus die einzige Kraft ist, um die Mehrheit der Menschen zu befrieden und zu vereinen. Also vermag auch Europa nichts Besseres zu sein als ein florierender Markt. Natürlich braucht der Markt eine politische Absicherung. Aber weil es weltweit keine starken gegenläufigen Kräfte mehr gibt, nur einige Horden verstockter Terroristen und bockiger Regierungen, genügt dazu ein Minimum an Kooperation. Eines Bundestaates Europa bedarf es nicht mehr.

Die Situation könnte parodoxer nicht sein: Ich wurde zu einer Zeit geboren, als man einem deutschen Säugling bei realistischer Einschätzung der Lage wenig Chancen für ein glückliches, erfolgreiches Leben zusprechen konnte. Es kam anders, und ich preise Land und Zeit meiner Geburt als die nahezu bestmöglichen. Hätte ich eine Wahl treffen können, wären mir 1844 oder gar 1864 freilich noch lieber gewesen.

Meine Tochter ist als Deutsch-Französin in eine Zeit überbordender Fülle hineingeboren worden, tut sich aber schwer, in ihrem Beruf Fuß zu fassen. Wahrscheinlich werden auch meine Enkel, auf die ich, wie heute üblich, lange warten muss, noch in eine Gesellschaft des Reichtums hineingeboren werden. Aber eine überalterte, auf dem Weg in die Vergreisung. An ihren Rändern nagen Armut und Ausgeschlossenheit der Abgehängten, der Überflüssigen unserer Leistungsgesellschaft. Um uns herum drängen sich junge Staaten und Völker, die auf der von Europa ausgelösten weltweiten Hetzjagd nach materiellem Glück unseren Planeten auf friedlichem Wege zum Hexenkessel machen werden. Trage ich dafür Verantwortung?

Jedenfalls bin ich froh, nicht mehr als maximal 20 Jahre Lebenszeit vor mir zu haben. Glück gehabt.

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