Essay

Das letzte Irrationale

Giorgio Agamben weist in Abschnitt 8 „Dämonisch“ des kleinen Miszellen – Bandes „Die kommende Gemeinschaft“ darauf hin, dass „jene beiden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, die das unvergleichliche Grauen, das sie umgab, mit größter Klarheit zu betrachten wussten – Kafka und (Robert) Walser -, uns eine Welt zeigen, aus der das, was traditionell als die höchste Form des Bösen gilt – das Dämonische – verschwunden ist.“

Recht hat Agamben mit dieser Feststellung. Da er aber das Fehlen des Dämonischen im Werk der beiden genannten Schriftsteller als „erstaunlich“ bezeichnet, kann man davon ausgehen, dass er ihre Weltsicht nicht teilt. Jedoch verkündet er uns am Ende der kleinen Betrachtung das Fortleben des Dämonischen in einer Gestalt, der, weil ihr das Eigentümliche des Dämonischen – die Unberechenbarkeit –  fehlt, gerade nicht mehr dämonisch ist und somit Kafka und Walser voll bestätigen und ihn selbst widerlegen würde. Er spricht von der Unschuld der Versuchung, deren Dämonisches nicht in der Gestalt des Versuchers, sondern als ein für jede Versuchung empfängliches Wesen auftritt. Zum Beleg beruft er sich auf Adolf Eichmann, den absolut banalen Menschen, der sich von den Gewalten des Rechts und des Gesetzes selber zum Bösen hat verführen lassen.

Alles dies ist vollkommen richtig gesehen, und es ist das Große im Werk Kafkas, dass selbst das Gute und das Böse als Kategorien des realen Denkens nicht mehr erscheinen, sie vielmehr ins Unterbewusstsein verrutscht sind und von dort nur noch manchmal hilflos aufblinken, so wie das Warnfeuer eines Leuchtturms dem bereits Schiffbrüchigen nicht mehr zu helfen vermag. Die Welt wird von Regelwerken beherrscht, von denen eines so absolut, unentrinnbar und schlecht wie das andere scheint, und es nur noch Zermalmer und Zermalmte gibt. Das Eigentümliche dabei ist, dass die Zermalmer vollkommen logisch und gesetzmäßig, ohne die geringste Leidenschaft, ja oft geradezu mitleidig, also ganz undämonisch, was heißt berechenbar, obgleich undurchschaubar handeln, weil dem von ihnen praktizierten Gesetz nicht nur jeder Bezug zu Gut und Böse, sondern auch zum Vernünftigen abhandengekommen ist oder jedenfalls das Vernünftige selber (wie in der Religion) nicht durchschaubar ist. Trotz dieser Verwandtschaft mit dem Religiösen über das Element der Undurchschaubarkeit fehlt in Kafkas Werk neben dem Dämonischen als Teilbereich das Irrationale überhaupt. Jedenfalls tritt es nicht irgendwie greifbar in Erscheinung, weil alle Handelnden sich stets an Hierarchien und erklärbaren Gesetzen ausrichten.

Während die undurchschaubare Vernunft der Religion, weil sie mit den Kategorien von Gut und Böse verbunden bleibt, niemals in der Orientierungslosigkeit endet,  ist der Verlust jeder Orientierung gerade die Folge des zwar rational strukturierten, aber völlig undurchschaubaren Gesetzes bei Kafka, das der Wegmarkierung von Gut und Böse beraubt ist, also nur im rein formalen Sinne noch Gesetz.

Ein für jede Versuchung empfängliches Wesen kann nichts Dämonisches an sich haben, weil es als solches vollkommen berechenbar ist. Es gibt sich systematisch jeder Versuchung hin, die sich ihm anbietet. Berechenbarer kann ein Verhalten nicht sein. Agambens Behauptung, das Dämonische überlebe heute in dieser Form, ist also nicht richtig; zumal fast jeder Mensch nahezu jeder Versuchung gegenüber empfänglich ist, wir also nahezu alle das Dämonische in uns tragen würden, hätte Agamben recht. Damit aber wäre das Dämonische selbst banalisiert, was jedoch seinem Wesen als das unberechenbare Ungeheure gerade entgegensteht. Nicht jedes abscheuliche Verhalten, etwa verursacht durch Zorn, Trieb, Angst würden wir als dämonisch bezeichnen, sondern nur das, welches sich aus tiefer Neigung bewusst auf die Seite des Bösen stellt und wegen dieser starken, jedoch nicht offen propagierten, sondern oft raffiniert versteckten Ausrichtung übermenschliche Kräfte zu entfalten vermag.

Agamben hat in seiner Betrachtung jedoch die Versucher, die es immer noch geben muss, damit überhaupt jemand der Versuchung anheimfallen kann, völlig ausgeblendet. Damit stellt sich aber für uns die Frage, ob es tatsächlich in unserer Zeit noch dämonische Menschen gibt oder ob diese Kategorie infolge der Wissenschaftlichkeit unseres Denkens ausgestorben ist, sich überlebt hat.

Viel spricht dafür anzunehmen, dass tatsächlich auch diese letzte Spezies des Irrationalen sich mittlerweile ins Nichts verflüchtigt hat oder jedenfalls dabei ist, es zu tun, nachdem seit der Aufklärung zuerst der Teufel und dann Gott für den modernen Menschen zu bloßen historischen oder Leerformeln geworden sind. Gut und Böse existieren zwar noch als fahle Schatten, aber mit einem rational nachvollziehbaren – also seiner Natur nach vom religiösen Denken verschiedenen – Gehalt.

Dass das Dämonische jedoch (noch) nicht aus der Welt verschwunden ist, lässt sich leicht empirisch nachweisen. Gewiss war Eichmann so wie viele andere Chargen seiner Art alles andere als ein Dämon. Aber denken wir auf der hierarchischen Stufenleiter, auf der er stand, ein wenig weiter, so tritt uns das Dämonische als lebendiges Phänomen dieser Welt schnell entgegen.

Heinrich Himmler ist ein höchst interessanter Grenzfall. Er ist geistig von solcher Beschränktheit, dass es Mühe kostet, ihn bereits der Kategorie des Dämonischen zuzurechnen. Aber es wäre höchst aufschlussreich, Menschen darüber zu befragen, wie sie ihn sehen. Ich bin sicher, dass bei einer solchen Umfrage bestimmt die Hälfte der Befragten ihn bereits dem Reich des Dämonischen zurechnen würde. Die Art und Weise, wie die Briten, denen er in die Hände fiel, es für nötig hielten, seinen Leichnam unauffindbar verschwinden zu lassen (Verbrennen und die Asche in den Asphalt einer Straße geben), spricht dafür, dass sie ihn bereits dem Dämonischen zuschrieben. Offenbar glaubten sie, irgendwelche identifizierbaren Reste von ihm könnten von Neuem die aus ihm strömenden Kräfte des Bösen  freisetzen.

Unzweifelhaft gehören aber Menschen wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels zu den Dämonen des 20. Jahrhunderts, während Mussolini ein anderer Grenzfall ist und Franco ganz gewiss nicht dazu gehört. Lenin wohnte sicher ein dämonisches Element inne, ebenso Trotzki; sie als vollkommene Dämonen zu bezeichnen, ist jedoch gewagt, da in ihrem fanatischen Tun letztendlich das Berechenbare überwog. Bei Stalin und Pol Pot ist das Dämonische dagegen manifest.

Hat das Dämonische demnach im 20. Jahrhundert in letzten unvorstellbaren Orgien des Bösen Kehraus gefeiert? Nichts ist unsicherer als das. Man braucht nicht nur auf Massenselbstmorde von Sekten oder falsche Gurus wie dem von Tokio, der 1999 den Anschlag auf die U-Bahn ausführen ließ, zu verweisen. Auch im Reich politischer Macht gibt es ausreichend Material für die andauernde Präsenz des Dämonischen.

Gewiss fällt es bei der trotteligen Erscheinung von Kim Il Sung Sohn schwer, etwas Dämonisches zu erkennen. Aber wie schätzen wir Gaddhafi (geläutert?), Milosevich, Mladic, Karasic, Robert Mugabe, Saddam Hussein und Bin Laden ein? Zumindestens im letzten Falle lässt sich ein eindeutig dämonischer Zug schwer zu leugnen. Aber wir sollten nicht immer nur in die eine Richtung schauen. Zwar ist es richtig, dass durch die starken offiziellen und inoffiziellen Kontrollmechanismen des demokratischen Rechtsstaates die Eroberung dieses Staates und seiner Macht für dämonisch veranlagte Führergestalten nicht sonderlich anziehend ist. Auch ist die Macht des Staates im Zeitalter des Kapitalimperialismus von chronischer Schwindsucht erfasst und für Dämonen daher fade Macht. In Unternehmen wiederum kann Macht angesichts der Marktgesetze nur äußerst selten eine höchstpersönliche und unberechenbare sein. Bliebe der Typ des einsamen, hochbegabten Wissenschaftlers, welcher mit seinem Talent der Erde und ihren Bewohnern schaden will. Aber wissenschaftliche Großtaten, die Macht versprechen, lassen sich heute nicht mehr als Einzelner hervorbringen, und eine Verschwörung von Wissenschaftlern gegen den Rest der Welt ist ebenfalls schwer vorstellbar. Das Dämonische wird also künftig notgedrungen, aber desto sicherer ins Außenseitertum, typischerweise den Terrorismus ausweichen müssen.

Und dennoch, trotz der Richtigkeit aller dieser dem Auftreten des Dämonischen im Bereich politischer Herrschaft entgegen arbeitenden Momente: Lässt es sich wirklich sicher widerlegen, dass George W. Bush mit seiner Entscheidung für den Irak-Krieg frei von dämonischen Einflüssen gehandelt hat? Dieser Krieg war durch nichts zu rechtfertigen, er war überflüssig und unsinnig in jeder Hinsicht: politisch, wirtschaftlich, humanitär. Warum wurde er dann geführt? Nur eine (verständlich oder nicht) politische Fehleinschätzung wie im Falle Vietnam? Es fällt schwer, das zu glauben, weil die Fakten so klar auf dem Tisch liegen. Besonders bei einem so religiös motiviertem Präsidenten wie Bush Sohn, der sich nicht scheute, einen irrational schwer belasteten Begriff wie ‚Kreuzzug‘ zu verwenden.

Das Regime von Saddam Hussein war durch zwei Kriege extrem geschwächt. Es stellte in keiner Hinsicht eine Bedrohung mehr für die Nachbarn dar. Es konnte schon wegen der wirtschaftlichen Misere nicht über einsatzfähige Massenvernichtungswaffen verfügen. Auf jeden Fall waren UNO-Inspektoren im Lande, die über jede nur denkbare Zeit verfügten, sie ggf. aufzuspüren. Weil das Regime geschwächt war, als persönliches Despotentum nur an persönlicher Machterhaltung interessiert, bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es früher oder später von alleine zusammenbrechen würde, jedenfalls in seinen Auswüchsen durch Druck von außen und militärische Einzelaktionen leicht und jederzeit kontrolliert werden konnte. Eine Verbindung zum internationalen Terrorismus war nicht erkennbar und in hohem Maße unwahrscheinlich.

Dagegen hat der Krieg dem internationalen Terrorismus ein neues Aufmarschgebiet und neue Inspiration geliefert, so wie 1943 die Bombardierung des Klosters Monte Cassino auf bloßen (unbegründeten) Verdacht der Präsenz deutscher Truppen hin den Deutschen erst die Möglichkeit eröffnete, sich in den Trümmern ganz legitim zu verschanzen und sich hartnäckiger den Amerikanern entgegenzustellen als zuvor; obendrein Propaganda für die Nazis lieferte. Humanitär ist im Irak nichts gewonnen worden, weil der Krieg viele Opfer gekostet hat und immer noch kostet. Massaker, wie es sie früher unter Saddam Hussein gegeben hat, konnte man auf andere Weise verhindern.

Politisch sind die Folgen des Krieges verheerend, wie man an Nordkorea und im Iran sieht. Jeder Staat, der sich von einer westlichen Intervention bedroht sieht, versucht nun so schnell wie irgend möglich, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, gerade um eine solche Intervention mit dem Ziel des Sturzes der Regierenden unmöglich zu machen. Der Krieg hat also der Nichtverbreitungspolitik einen Bärendienst erwiesen.

Soweit die auf Vernunft gestützte Kritik einer durch demokratische Prozesse getroffenen und abgesegneten, gleichwohl völlig unsinnigen Entscheidung. Es fällt schwer, unter diesen Umständen anzunehmen, dass das letzte Stündlein der letzten irrationalen Kraft von globaler Wirkung, des Dämonischen in Einzelmenschen und seiner gleichwie betörenden und zerstörerischen Wirkung auf die Menschen als Masse, in unserer von wissenschaftlichen Denken und Materialismus geprägten Zeit bereits endgültig geschlagen hat. Es wird sicher keine dämonischen Gewalthaber mehr geben, und George W. Bush ist ganz gewiss nicht ein solcher. Das Walten des Dämonischen in den Gewalthabern aber bleibt präsent und nötigt uns, wachsam zu sein.

Eingestreut

Von der kulturellen Vielfalt zur kulturellen Einfalt ist ein kurzer Schritt.

Ekel

Bush besucht Verwundete und spielt mit ihnen Krieg.
Wenige Stunden vor dem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel auf  seiner Ranch hat US-Präsident George W. Bush in San Antonio in seinem heimatlichen Bundesstaat Texas ein Rehabilitationszentrum der Armee besucht. Er sprach mit Soldaten, die im Irak-Krieg verletzt wurden, und spielte mit ihnen ein Computerspiel, in dem ein Feuergefecht in Bagdad simuliert wird, wie das Weiße Haus mitteilte. Der Präsident habe dabei geholfen, die „bösen Jungs“ zu erschießen, sagte seine Sprecherin Diana Perino. Das Spiel sei sehr realitätsnah gewesen, lobte sie.

Es gibt Meldungen, vor denen betroffen zu schweigen, die einzige angemessene Reaktion ist. Man fragt sich, wie es möglich wird, dass solche Menschen einem Staat vorstehen, der sich zu den Grundwerten der Humanität bekennt.

Faschismus…

…ist ein politischer Verzweiflungsakt, dem bei halbwegs kluger Staatsführung kein Volk anheimfallen wird. Die Schuld am Sieg des Kults der Brutalität tragen deshalb weniger die faschistisch gesinnten Fanatiker als versagende Regierungen und verrottete Gesellschaftssysteme; denn niemand ist an seiner Verzweiflung schuld. Wer den Verzweifelnden sich selbst überlässt, löst dessen Verzweiflungsakt aus.

Kommunismus und Sozialismus…

…sind vernünftige, kämpferisch eingestimmte Entscheidungen für eine bessere Welt. Gegen die Regeln der Vernunft bestehen sie deshalb nicht lange.